Tao
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Den Tanz umgibt eine subtile Magie, denn der Tanz existiert nur im Augenblick des Tanzes selbst. Der Tanz ist wie eine Bambusflöte, die ihre innere Schönheit nur erkennen lässt, wenn man ihr ihre Töne entlockt. Eigentlich gibt es gar keinen Tänzer, sondern nur die Bewegung der Form in Raum und Zeit. Raum, Zeit und Tänzer verschmelzen zum gegenwärtigen Augenblick des Jetzt. Der Tanz findet nur im Augenblick dieser Verschmelzung statt. Der Tanz entsteht, in dem ich zum Tanz werde. Mein Leben ist solch ein Tanz. Mein Leben ist der Ausdruck von absichtsloser Bewegung in Raum und Zeit. Ich erschaffe mein Leben, ich erschaffe mich selbst, in dem ich zu tanzen beginne. Ich kann gut oder weniger gut tanzen, doch dass ich tanzen muss, das steht außer Frage.
Aber noch etwas anderes geschieht während ich meinen ganz persönlichen Tanz tanze, etwas überaus magisches: Ich begegne mir selbst, meiner Seele, meinem authentischen Selbst. Diese Begegnung markiert eine Wende in meiner persönlichen Entwicklung: Ich entdecke meine tiefere Natur. Sie wird immer dann erkennbar, wenn ich auf der Seelenebene leben. Das kann sehr überraschend für mich sein. Und herausfordernd dazu. Denn der Weg der Seele zeigt sich erst während des Gehens. Er macht mir meine alten Gewohnheiten und Ängste bewußt. Er zerschlägt die Konsens-Trance, in der ich mich wohlig eingerichtet habe. Ich muss mich also auch für das Tao entscheiden, mich dazu durchringen, authentisch zu leben. Jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment aufs neue, bis „es“ ganz natürlich wird für mich, so zu leben, eine Art kosmische Gewohnheit. Dann küsst sie mich, mein Selbst, ganz vorsichtig, zärtlich und mein Herz öffnet sich.


Es gibt immer wieder Zeit-Punkte, die mein Leben entscheidend bestimmten. Diese Zeit-Punkte sind wie Meilensteine auf meinem Weg, auf dem Weg meiner Seele zu meinem Selbst. Für mich ist es ein Ausdruck des Tao, dass ich zu jedem Zeit-Punkt stets den richtigen Lehrer, den richtigen Freund, den richtigen Partner, die richtige Begegnung, das richtige Buch bekam, das mir auf meinem Weg stets ein Stückchen weiterhalf. Ja, es gibt sie, diese großen Zeit-Punkte im Leben, in denen mir wichtige Schlüssel-Personen meines Lebens begegneten, vom Leben selbst, vom Tao geschickt. Aus meinen tiefen inneren Erfahrungen mit dem Weltengesetz (TAO) heraus empfinde ich damals wie heute Begegnungen, wenn ich sie richtig nutze, als Schlüsselmomente, Chancen, in denen sich innerseelische Türen öffnen können. Wir alle sind potenziell Türöffner füreinander, ob uns dies bewusst ist oder nicht. Und wir können den Schlüssel nutzen, das Schloss aufsperren und durch diese Türen hindurchgehen – oder den Augenblick ungenutzt vorüberziehen lassen.


Mein Name ist eine Fiktion. Ich bin ohne Namen auf die Welt gekommen, ich habe keinen Namen mitgebracht; meinen Namen hat man mir erst gegeben. Und durch die ständige Wiederholung identifiziere ich mich mit ihm. Aber es ist eine Fiktion. Doch wenn ich sage, es ist eine Fiktion, meine ich nicht, dass es unnötig ist. Es ist eine notwendige Fiktion, es ist zweckmäßig. Wie würde ich sonst mit anderen kommunizieren? Wenn ich jeman- dem einen Brief schreiben will, an wen würde ich ihn ihn adressieren?Ohne Namen wäre es schwierig. Obwohl eigentlich in Wirklichkeit niemand einen Namen hat, ist er eine wun- derbare Erfindung, sehr praktisch. Namen sind notwendig, damit man mich anreden kann. Das »Ich« ist notwendig, damit ich mich selbst irgendwie benennen kann - aber im Grunde ist es nur eine Fiktion, eine Erfindung. Wenn ich in mich hineinschaue, sehe ich es: Mein Name verschwindet, die ganze Vorstellung von »Ich« verschwindet. Was übrig bleibt, ist nur noch »Bin« - Ist-heit, Existenz, reines Sein.Und dieses Sein kennt keine Trennungen; es gehört weder dir noch mir. Es ist das gleiche Sein, das allem inne- wohnt: den Felsen, Flüssen, Bergen, Bäumen - alles ist darin enthalten. Es ist allumfassend; nichts ist davon ausgenommen. Die ganze Vergangenheit, die ganze Zukunft, dieses unermesslich große Universum - alles ist darin enthalten.Je tiefer ich in mich selbst hineinschaue, umso klarer sehe ich, dass es so etwas wie Personen gar nicht gibt, dass es Individuen gar nicht gibt. Alles, was existiert, ist universelles Sein. Nur an der Oberfläche haben wir einen Namen, ein Ego, eine Identität. Doch wenn wir den Sprung von der Oberfläche ins Zentrum machen, verschwindet jegliche Identität. Das Ego ist lediglich eine nützliche Fiktion. Ich benutze sie, aber ich lasse mich davon nicht täuschen.


Zwischen Zweifel und Negativität besteht ein großer Unterschied. Beides gleicht sich, oberflächlich gesehen, doch eigentlich ist der Unterschied unüberbrückbar. Zweifel ist weder negativ noch positiv. Zweifel bedeutet einen offenen Geist, ohne Vorurteile. Er bedeutet ein forschendes Herangehen. Zweifel bedeutet, nichts zu sagen, sondern einfach nur zu fragen. Der Sinn des Fragens ist, zu erkennen und herauszufinden, was die Wahrheit ist. Zweifel ist ein Pilgerweg. Zweifel ist einer der heiligsten Werte des Menschen. Zweifel bedeutet kein Nein. Der Zweifler sagt einfach: »Ich weiß es nicht und ich bin bereit, es zu wissen. Ich bin bereit, so weit wie möglich zu gehen, doch wie kann ich ja sagen, solange ich es nicht weiß?« Negativität hat bereits Nein gesagt. Sie ist keine Suche. Sie ist zu einer Schlussfolgerung gekommen, so wie jemand anderer zu der Schlussfolgerung gekommen ist, Ja zu sagen. Der eine sagt, es gibt einen Gott; seine Aussage ist positiv. Der andere sagt, es gibt keinen Gott; seine Aussage ist negativ. Doch beide sitzen im selben Boot, sie unterscheiden sich nicht. Sie haben nicht wirklich geforscht. Weder der Theist noch der Atheist haben wirklich gezweifelt; beide haben geborgtes Wissen übernommen. Der Zweifler sagt: »Ich möchte gern wissen, doch solange ich es nicht selbst weiß, ist es kein Wissen. Nur meine eigene Erfahrung kann das entscheiden.« Er ist nicht arrogant, er leugnet nichts. Er ist einfach nur bereit zu forschen. Zweifel ist nicht das gleiche wie Unglauben – damit haben die Religionen die Menschen verwirrt. Sie haben Zweifel mit Unglauben verwechselt. Tatsächlich sind Glauben und Unglauben genau dasselbe. Beide übernehmen Wissen von anderen, aus Büchern, von Autoritäten. Und immer, wenn ich etwas nicht weiß, doch trotzdem daran glaube oder nicht daran glaube ... dann habe ich eine große Chance verpaßt, es selbst zu erforschen. Ich habe die Tür bereits geschlossen, durch ein Ja oder ein Nein. Ich bin den Weg nicht selbst gegangen. Es ist leichter, Ja zu sagen, es ist leichter, Nein zu sagen, denn dafür muss ich nichts tun. Zweifeln braucht Mut. Um zu zweifeln, braucht es den Mut, im Zustand des Nichtwissens zu bleiben und immer weiter alles in Frage zu stellen, bis zu dem Augenblick, in dem ich selbst bei der Wirklichkeit angekommen ist. Wenn ich bei der Wirklichkeit ankomme, gibt es keine Negativität und auch keine Positivität. Ich weiß einfach – es ist meine eigene Erfahrung. Ich sage nicht, dass es sich um Positivität handelt, weil Positivität immer einen Gegenpol hat, die Negativität. Die Erfahrung geht über beides hinaus; die Welt der Polaritäten wird dadurch transzendiert. Das ist wahre Weisheit. Zweifel ist der Weg zur Wahrheit. Ja oder Nein sind keine Wege zur Wahrheit; sie halten mich vielmehr davon ab. Es scheint vielleicht seltsam, dass ein Ja dasselbe bewirkt wie ein Nein. Im Wörterbuch sind sie Gegensätze, doch in Wirklichkeit sind sie das nicht. Sie sehen nur gegensätzlich aus. Doch beide haben keine Fragen gestellt. Beide haben nicht versucht herauszufinden, was wirklich wahr ist. Der Kommunist ist genauso ein Gläubiger wie der Katholik. Der Kommunist glaubt, dass es keinen Gott gibt. Man kann das als Unglauben bezeichnen, doch es handelt sich dabei um einen Glauben. Er hat nicht nachgeforscht, er hat nicht meditiert; er hat nichts getan, um herauszufinden, ob es wirklich keinen Gott gibt. Der Theist sagt, dass es einen Gott gibt. Auch er hat nichts dafür getan. Beide haben eine Entscheidung getroffen, ohne sich auch nur einen Zentimeter in Richtung Wahrheit zu bewegen.


Die Wärme der Liebe bringt das Selbst zum Schmelzen. Je mehr ich mich selbst liebe, desto weniger kann ich in mir ein Selbst finden. Dann wird aus dem Selbst eine wunderbare Meditation, ein großer Sprung in das Tao. Und du weißt das schon! Vielleicht nicht in Bezug auf die Selbstliebe, weil du dich bisher noch nicht selbst geliebt hast. Aber du hast andere geliebt, und das hat dir bestimmt einen Vorgeschmack gegeben. Sicher hast du schon einen jener seltenen Augenblicke erlebt, in denen du plötzlich nicht mehr da bist und nur noch Liebe ist, reine, strömende Liebesenergie ohne Zentrum, ein Fließen von nirgendwo nach nirgendwo. Wenn zwei Liebende beisammen sitzen, sitzen zwei Nichtse, zwei Nullen beisammen. Und das ist die Schönheit der Liebe, dass sie mich völlig leer macht vom Selbst. Darum ist egoistischer Stolz ist niemals Selbstliebe. Egoistischer Stolz ist das genaue Gegenteil. Ein Mensch, der sich selbst noch nicht lieben gelernt hat, wird egoistisch. Egoistischer Stolz ist das, was die Psychoanalytiker als narzisstische Persönlichkeitsstruktur bezeichnen, als Narzissmus.Wenn ich mich in eine Frau verliebe, beobachte ich mich sehr aufmerksam: Vielleicht ist es reiner Narzissmus. Vielleicht ist das Gesicht dieser Frau, sind ihre Augen, ihre Worte nur der Spiegel, in dem ich mein Spiegelbild erblicke. Nach meiner Beobachtung sind 99 von hundert Liebesbeziehungen reiner Narzissmus. Die Leute lieben gar nicht den Mann oder die Frau, mit der sie zusammen sind. Sie lieben die Bestätigung, die sie bekommen, die Aufmerksamkeit, die sie bekommen. Und das nennt man dann Liebe! Das ist Narzissmus. Der Mann wird zum Spiegel, der die Frau widerspiegelt, und die Frau wird zum Spiegel, der den Mann widerspiegelt. Und der Spiegel spiegelt die Wahrheit nicht bloß wider, sondern schmückt sie auf tausendfache Art und Weise aus, damit sie noch schöner aussieht. Das nennen die Leute Liebe. Das ist keine Liebe, das ist gegenseitige Egobefriedigung. Wahre Liebe kennt kein Ego. Wahre Liebe beginnt zuerst bei der Selbstliebe. Ich habe von der Natur diesen Körper, dieses Wesen bekommen; darin bin ich verwurzelt. Ich genieße es, ich freue mich darüber, ich feiere es! Und das ist keine Sache von Stolz oder Ego, weil ich mich nicht mit anderen vergleiche. Das Ego kommt erst durch Vergleichen ins Spiel. Selbstliebe kennt kein Vergleichen. Ich bin, was ich bin, das ist alles. Ich halte mich nicht für besser als andere, ich vergleiche mich überhaupt nicht. Sobald ich Vergleiche anstelle, sollte ich wissen, dass es keine Liebe ist, sondern irgendein Trick, eine subtile Strategie meines Ego. Das Ego lebt vom Vergleichen. Liebe kennt kein Vergleichen. Liebe liebt einfach, ohne zu vergleichen. Sobald ein Vergleich da ist, weiß ich: Es ist egoistischer Stolz, es ist Narzissmus. Und wenn kein Vergleich da ist, weiß ich: Es ist Liebe zu mir selbst oder zum anderen. Wahre Liebe unterscheidet nicht. Die Liebenden verschmelzen miteinander. In der egoistischen Liebe gibt es eine große Unterscheidung, den Unterschied zwischen dem Liebenden und der Geliebten. Wahre Liebe ist keine Beziehung.Wahre Liebe ist keine Beziehung, denn da sind nicht mehr zwei Personen, die eine Beziehung miteinander haben. In der wahren Liebe ist nur noch die Liebe da, ein Erblühen, ein Duft, ein Verschmelzen, ein Einswerden. Nur in der egoistischen Liebe gibt es zwei, die Liebende und den Geliebten. Aber in dem Augenblick, wo es einen Liebenden und eine Geliebte gibt, verschwindet die Liebe. Wenn es Liebe ist, verschwinden beide, Liebende und Geliebter, in dieser Liebe. Liebe ist ein so großartiges Phänomen. Darin kann ich als Individuum gar nicht überleben. Wahre Liebe ist immer in der Gegenwart. Egoistische Liebe ist immer entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Wahre Liebe ist leidenschaftlich kühl. Das klingt paradox, aber alle wesentlichen Wahrheiten im Leben sind paradox, deshalb nenne ich Liebe »leidenschaftlich kühl«. Sie besitzt Wärme, aber keine Hitze. Sie besitzt zweifellos Wärme, aber auch etwas Kühles. Sie ist ein sehr gelassener, ruhiger, kühler Zustand. Liebe macht mich weniger fiebrig. Wenn es aber keine wirkliche, sondern eine egoistische Liebe ist, wird sie sehr hitzig sein, voll fiebriger Leidenschaft und alles andere als kühl. Wenn ich darauf achte, habe ich ein Kriterium zur Beurteilung. Ich muss aber bei mir selbst anfangen, anders geht es nicht. Ich muss dort anfangen, wo ich jetzt bist. Ich liebe dich selbst. Ich liebe mich so sehr, dass mein ganzer Stolz, mein Ego und dieser ganze Unsinn in meiner Liebe verschwinden. Und wenn mein Ego verschwunden ist, wird meine Liebe auch andere erreichen. Dann ist es keine Beziehung mehr, sondern ein Teilen. Dann ist es keine Subjekt-Objekt-Beziehung mehr, sondern ein Verschmelzen, ein Miteinandersein. Dann ist es nicht mehr fiebrigt erregt, sondern leidenschaftlich kühl, warm und kühl zugleich. Es gibt mir den ersten Vorgeschmack vom paradoxen Wesen des Lebens.


 

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