Tao
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Die Wärme der Liebe bringt das Selbst zum Schmelzen. Je mehr ich mich selbst liebe, desto weniger kann ich in mir ein Selbst finden. Dann wird aus dem Selbst eine wunderbare Meditation, ein großer Sprung in das Tao. Und du weißt das schon! Vielleicht nicht in Bezug auf die Selbstliebe, weil du dich bisher noch nicht selbst geliebt hast. Aber du hast andere geliebt, und das hat dir bestimmt einen Vorgeschmack gegeben. Sicher hast du schon einen jener seltenen Augenblicke erlebt, in denen du plötzlich nicht mehr da bist und nur noch Liebe ist, reine, strömende Liebesenergie ohne Zentrum, ein Fließen von nirgendwo nach nirgendwo. Wenn zwei Liebende beisammen sitzen, sitzen zwei Nichtse, zwei Nullen beisammen. Und das ist die Schönheit der Liebe, dass sie mich völlig leer macht vom Selbst. Darum ist egoistischer Stolz ist niemals Selbstliebe. Egoistischer Stolz ist das genaue Gegenteil. Ein Mensch, der sich selbst noch nicht lieben gelernt hat, wird egoistisch. Egoistischer Stolz ist das, was die Psychoanalytiker als narzisstische Persönlichkeitsstruktur bezeichnen, als Narzissmus.Wenn ich mich in eine Frau verliebe, beobachte ich mich sehr aufmerksam: Vielleicht ist es reiner Narzissmus. Vielleicht ist das Gesicht dieser Frau, sind ihre Augen, ihre Worte nur der Spiegel, in dem ich mein Spiegelbild erblicke. Nach meiner Beobachtung sind 99 von hundert Liebesbeziehungen reiner Narzissmus. Die Leute lieben gar nicht den Mann oder die Frau, mit der sie zusammen sind. Sie lieben die Bestätigung, die sie bekommen, die Aufmerksamkeit, die sie bekommen. Und das nennt man dann Liebe! Das ist Narzissmus. Der Mann wird zum Spiegel, der die Frau widerspiegelt, und die Frau wird zum Spiegel, der den Mann widerspiegelt. Und der Spiegel spiegelt die Wahrheit nicht bloß wider, sondern schmückt sie auf tausendfache Art und Weise aus, damit sie noch schöner aussieht. Das nennen die Leute Liebe. Das ist keine Liebe, das ist gegenseitige Egobefriedigung. Wahre Liebe kennt kein Ego. Wahre Liebe beginnt zuerst bei der Selbstliebe. Ich habe von der Natur diesen Körper, dieses Wesen bekommen; darin bin ich verwurzelt. Ich genieße es, ich freue mich darüber, ich feiere es! Und das ist keine Sache von Stolz oder Ego, weil ich mich nicht mit anderen vergleiche. Das Ego kommt erst durch Vergleichen ins Spiel. Selbstliebe kennt kein Vergleichen. Ich bin, was ich bin, das ist alles. Ich halte mich nicht für besser als andere, ich vergleiche mich überhaupt nicht. Sobald ich Vergleiche anstelle, sollte ich wissen, dass es keine Liebe ist, sondern irgendein Trick, eine subtile Strategie meines Ego. Das Ego lebt vom Vergleichen. Liebe kennt kein Vergleichen. Liebe liebt einfach, ohne zu vergleichen. Sobald ein Vergleich da ist, weiß ich: Es ist egoistischer Stolz, es ist Narzissmus. Und wenn kein Vergleich da ist, weiß ich: Es ist Liebe zu mir selbst oder zum anderen. Wahre Liebe unterscheidet nicht. Die Liebenden verschmelzen miteinander. In der egoistischen Liebe gibt es eine große Unterscheidung, den Unterschied zwischen dem Liebenden und der Geliebten. Wahre Liebe ist keine Beziehung.Wahre Liebe ist keine Beziehung, denn da sind nicht mehr zwei Personen, die eine Beziehung miteinander haben. In der wahren Liebe ist nur noch die Liebe da, ein Erblühen, ein Duft, ein Verschmelzen, ein Einswerden. Nur in der egoistischen Liebe gibt es zwei, die Liebende und den Geliebten. Aber in dem Augenblick, wo es einen Liebenden und eine Geliebte gibt, verschwindet die Liebe. Wenn es Liebe ist, verschwinden beide, Liebende und Geliebter, in dieser Liebe. Liebe ist ein so großartiges Phänomen. Darin kann ich als Individuum gar nicht überleben. Wahre Liebe ist immer in der Gegenwart. Egoistische Liebe ist immer entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Wahre Liebe ist leidenschaftlich kühl. Das klingt paradox, aber alle wesentlichen Wahrheiten im Leben sind paradox, deshalb nenne ich Liebe »leidenschaftlich kühl«. Sie besitzt Wärme, aber keine Hitze. Sie besitzt zweifellos Wärme, aber auch etwas Kühles. Sie ist ein sehr gelassener, ruhiger, kühler Zustand. Liebe macht mich weniger fiebrig. Wenn es aber keine wirkliche, sondern eine egoistische Liebe ist, wird sie sehr hitzig sein, voll fiebriger Leidenschaft und alles andere als kühl. Wenn ich darauf achte, habe ich ein Kriterium zur Beurteilung. Ich muss aber bei mir selbst anfangen, anders geht es nicht. Ich muss dort anfangen, wo ich jetzt bist. Ich liebe dich selbst. Ich liebe mich so sehr, dass mein ganzer Stolz, mein Ego und dieser ganze Unsinn in meiner Liebe verschwinden. Und wenn mein Ego verschwunden ist, wird meine Liebe auch andere erreichen. Dann ist es keine Beziehung mehr, sondern ein Teilen. Dann ist es keine Subjekt-Objekt-Beziehung mehr, sondern ein Verschmelzen, ein Miteinandersein. Dann ist es nicht mehr fiebrigt erregt, sondern leidenschaftlich kühl, warm und kühl zugleich. Es gibt mir den ersten Vorgeschmack vom paradoxen Wesen des Lebens.

 

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